Epilepsie bei Hunden - Erkennen, richtig handeln und den Alltag meistern
Epilepsie bei Hunden ist ein Thema, das mich immer wieder begleitet. Einer meiner Gasthunde lebt dank guter medikamentöser Einstellung aktuell anfallsfrei und auch die Hündin einer Freundin ist betroffen. Diese Erfahrungen haben mir gezeigt, wie wichtig Wissen, Vorbereitung und ein sicherer Umgang mit dieser Erkrankung sind.
Auf dieser Seite möchte ich wertvolle Informationen und Tipps teilen, die betroffenen Halter:innen mehr Sicherheit im Alltag geben können.
Was ist Epilepsie?
Epilepsie ist eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen bei Hund und Katze, ein chronisches Krankheitsgeschehen, das durch wiederholtes Auftreten von Krampfanfällen gekennzeichnet ist.
Diese entstehen durch unkontrollierte Erregung von Nervenzellen im Gehirn.
Eine Vielzahl an Ursachen kann zu Krampfanfällen führen. Es wird zwischen idiopathischer bzw. primärer, symptomatischer bzw. sekundärer Epilepsie und reaktiven Krampfanfällen unterschieden.
Idiopathische Epilepsie:
Hier handelt es sich um eine Ausschlussdiagnose. Das heißt, alle Untersuchungen zum Nachweis einer zu Grunde liegenden Ursache bleiben erfolglos. Heute wird angenommen, dass diese Form der Epilepsie angeboren ist und einen genetischen Hintergrund hat. Sie tritt sowohl bei Rassehunden als auch bei Mischlingen auf. Die meisten Hunde erkranken zwischen dem ersten und fünften Lebensjahr. Ein früheres oder späteres Auftreten ist zwar selten, aber dennoch möglich.
Symptomatische Epilepsie:
Sie ist das Resultat einer strukturellen Veränderung im Gehirn, die als Folge von Blutungen, Entzündungen, Traumata, Missbildungen, Tumoren oder Speicherkrankheiten auftritt. Hier sollten die Tiere je nach Ursache therapiert werden, was z.B. operativ, anibiotisch oder entzündungshemmend sein kann.
Reaktive Epilepsie:
Krampfanfälle, die durch eine Entgleisung des Stoffwechsels oder eine Vergiftung entstehen, werden so benannt. Es gibt viele verschiedene Veränderungen im Körper, die zu solchen Anfällen führen können, z.B. Unterzuckerung, Sauerstoffmangel, Elektrolytverschiebungen, Nieren- oder Leberversagen. Substanzen, die zu reaktiven Krampfanfällen in Folge von Vergiftungen führen können sind z.B. Metaldehyd (Inhaltsstoff von Schneckenkorn) und Organophosphaten bzw. Carbamaten (Inhaltsstoffe von Pflanzenschutzmitteln). Falls ein Vergiftungsverdacht besteht, ist es wichtig, den Tierarzt/die Tierärztin darauf hinzuweisen. Wenn Unklarheit über die Giftaufnahme besteht, kann diese auch in speziellen Laboren im Urin nachgewiesen werden.
Was passiert während eines Anfalls? (typische Zeichen)
Subtile Beeinträchtigungen des Bewusstseins schon vor dem eigentlichen Anfall wie zum Beispiel:
- Fliegenschnappen
- Schwanzjagen
- Aggressives Verhalten
- Ins-Leere-Starren
Beteiligung einer einzelnen Gliedmaße (= fokale Anfälle)
Den ganzen Körper betreffenden Krampfanfälle (= generalisierte Anfälle)
- Streckkrämpfe und Ruderbewegungen mit den Beinen
- Speicheln
- Kieferschlagen
- Urin- und Kotabsatz
Sofortmaßnahmen
Bei einigen Tieren kündigt sich der Anfall durch verändertes Verhalten, z.B. Unruhe, an. In dieser Phase vor dem Anfall ist es möglich, das Tier zu beruhigen und damit die Schwere des Anfalls zu dämpfen oder gar zu vermeiden.
Während eines Anfalls sollte nichts unternommen werden, sondern abgewartet werden bis der Anfall vorüber ist (es sind schon viele Halter:innen von krampfenden Hunden gebissen worden!). Falls notwendig, spitze Gegenstände aus dem Weg räumen, um Verletzungen vorzubeugen.
Während oder nach einem Anfall kann je nach Rücksprache mit dem behandelnden Tierarzt ein Notfallmedikament verabreicht werden.
Im Anschluss an jeden Anfall sollte dieser mit Datum, Uhrzeit, Dauer und Schweregrad in einem Tagebuch dokumentiert werden. Zusätzlich kann es hilfreich sein, Ereignisse, die vor den Anfällen stattgefunden haben, zu notieren. Dieses Tagebuch sollte bei jedem Tierarztbesuch besprochen werden, um den Krankheitsverlauf zu beurteilen.
Sofortiger Tierarztkontakt erforderlich bei: Anfalldauer > 5 Minuten, mehrere Anfälle kurz hintereinander (Cluster), oder wenn der Hund nach dem Anfall nicht wieder normal atmet/aufwacht.
Die Zeit direkt nach dem Anfall
Im Anschluss an die Anfälle sind die Tiere oft müde und für einige Zeit desorientiert. Erleidet ein Tier zwei oder mehrere Anfälle innerhalb von 24 Stunden spricht man von Serienanfällen (Cluster-Anfälle). Status epilepticus bezeichnet einen epileptischen Anfall, der länger als 5 Minuten anhält oder mehrere hintereinander auftretende Anfälle, zwischen denen das volle Bewusstsein nicht innerhalb von 30 Minuten zurückkehrt.
Mögliche Symptome: verwirrt sein, wanken, vorübergehende Blindheit, Desorientierung oder ungewöhnliches Umherlaufen. In dieser Zeit ist der Hund oft erschöpft — Stress vermeiden, ruhig beobachten und Schutz bieten.
Wichtig: Manche Hunde können in dieser Phase ängstlich oder sogar kurzzeitig aggressiv reagieren — Nähe nur behutsam, halte Kinder oder andere Tiere fern.
Alltag und/oder Schonung — was ist sinnvoll?
Auch wenn die meisten Hunde die epileptischen Anfälle in Ruhephasen oder sogar aus dem Schlaf heraus zeigen, kann keine Garantie dafür gegeben werden, dass nicht irgendwann einmal ein Anfall in Aktion auftritt. In jedem Fall sollte man als Halter:in bei einem diagnostizierten Hund, das Notfallmedikament mit sich führen. Da Stress das Auftreten von Anfällen begünstigen kann, muss von Fall zu Fall abgewogen werden, ob z.B. Hundesport ein hoher Stressfaktor für den Hund bedeutet.
- Schonung im Sinne von Erholung: Nach einem Anfall darf der Hund ruhen und sich erholen. Nicht sofort zu aktivem Training zwingen; gib ihm Zeit, wieder sicher zu laufen und klar zu sehen.
- Kein Überbehüten: Normales, angepasstes Gassi- und Spielverhalten ist möglich — achte auf Auslöser und passe Aktivitäten an (z. B. vermeide extreme Hitze/Anstrengung direkt nach einem Anfall).
- Stressreduktion & regelmäßiger Tagesablauf können helfen, die Anfallshäufigkeit zu minimieren — Routine, ausreichender Schlaf und Vermeidung starker emotionaler Stressfaktoren sind nützlich.
Praktische Hilfsmittel für Halter
- Anfallstagebuch: Datum, Uhrzeit, Dauer, Verhalten vor/während/nach dem Anfall, mögliche Auslöser, Video wenn möglich. Sehr wertvoll für den Tierarzt.
- Notfallplan: Telefonnummer Tierarzt, nächstgelegene Tierklinik 24/7, Foto/Video vom Anfall.
- Sichere Umgebung zu Hause: weiche Liegeplätze, rutschfeste Böden, sichere Balkone/Fenster, um bei einem Anfall Verletzungen zu vermeiden.
- Regelmäßige tierärztliche Kontrollen: um Ursachen abzuklären, Begleiterkrankungen auszuschließen und einen individuell abgestimmten Behandlungsplan zu haben.
Wann du sofort in die Klinik fahren solltest
- Ein Anfall dauert deutlich länger als üblich (> 5 Minuten) oder hört nicht auf.
- Mehrere Anfälle kurz hintereinander (Cluster) innerhalb weniger Stunden.
- Der Hund hat Probleme zu atmen, wird blass/blau oder bleibt bewusstlos.
- Deutliche Verschlechterung des Allgemeinzustands nach wiederholten Anfällen.
Quellen
https://www.tiho-hannover.de/fileadmin/13_Kleintiere/Down/Neuro/Epilepsieinfo_2014.pdf